Wo Kontrolle endet, beginnt Freiheit

Beim gemeinsamen Einkaufen hörte ich Sätze wie: „Das sitzt jetzt genau richtig – aber dann darfst du nicht weiter zunehmen.”

Dabei war ich als Kind eher zu dünn, und das schien vollkommen in Ordnung zu sein. Zunehmen dagegen war etwas, das scheinbar vermieden werden musste.

Meine Mutter war stark mit ihrem eigenen Aussehen beschäftigt. Sie sprach oft abwertend über ihren Körper und bewertete auch die Körper anderer – Fremde, Freunde, Familienmitglieder. Diese Art, über Körper zu denken und zu sprechen, wurde für mich immer mehr zur Normalität.

Schon früh begann ich mit Diäten und viel Sport. Ich merkte, wie wichtig mir positive Kommentare zu meinem Aussehen wurden. Sie gaben mir kurzfristig Sicherheit und das Gefühl, richtig zu sein. Dafür empfand ich das Knebeln, die Kontrolle und den Verzicht als notwendig und sogar richtig. Gleichzeitig war ich kaum in der Lage, Komplimente wirklich anzunehmen – ich relativierte sie, glaubte ihnen nicht oder hatte das Gefühl, sie verpflichteten mich nur noch mehr zur Kontrolle.

Später sagten Freundinnen zu mir: „Du bist doch ständig auf Diät – was ist es dieses Mal?“

Für mich war das kein Warnsignal, sondern Teil meines Alltags.

Auch als Erwachsene setzte sich dieses Muster fort. Ich hatte Partner, die die vermeintlichen Makel meines Körpers kommentierten, zum Beispiel Cellulite. Innerlich lebte ich weiterhin in ständiger Bewertung, Anpassung und Selbstkontrolle.

Zeitgleich bekam ich zunehmend Probleme in meinen Beziehungen und entschloss mich, ein 12-Schritte-Programm zu arbeiten, um meine Co-Abhängigkeit anzuschauen. Damals war ich überzeugt, dass ich kein Problem mit dem Essen hatte – gleichzeitig zählte ich Kalorien, fastete tageweise, wenn ich das Gefühl hatte, zu viel gegessen zu haben, und ging teilweise mehrmals täglich zum Sport. Für mich fühlte sich das alles normal an.

Erst als meine Höhere Macht wirklich Raum in meinem Leben bekam und Co-Abhängigkeit keine Möglichkeit zur Flucht mehr bot, wurde mir klar, wie essgestört ich war und wie verdreht mein Selbstbild tatsächlich war. Ich erkannte, wie sehr mein Denken von Zwang, Bewertung und äußerer Bestätigung geprägt war.

Heute arbeite ich mit einer Sponsorin und darf Freiheit von zwanghaftem Essen, Hungern und zwanghaftem Sport erleben. Mit Hilfe meiner Höheren Macht lerne ich zunehmend, meinen Körper so zu akzeptieren, wie er ist. Viel wichtiger noch: Mein täglicher Fokus richtet sich immer weniger auf mich und meine verzerrte Selbstwahrnehmung, sondern auf die Menschen, die an derselben Krankheit leiden und eine Lösung wollen.