Als Scheidungskind habe ich mich oft als Opfer der Umstände gesehen und mich in vielen Situationen machtlos gefühlt. Ein Gefühl, dass mich ein Großteil meines Lebens weiter begleitet hat. Ich kam schon mit ca. 13 Jahren in Kontakt mit Alkohol und Rauchen und war ab ca. 14 Jahren auf Partys unterwegs. Hier fand ich Befreiung vom Gefühl des Gefangen-Seins.
Das verzerrte Körperbild und das ungesunde Essverhalten haben sich in diesen Jahren entwickelt. Ich erinnere mich, wie wir oft nach dem Abendessen mit meiner Mutter und meinem Bruder ferngesehen haben und dabei alles mögliche geknabbert haben. In meinen Teenager-Jahren war dieses Verhalten bereits fester Bestandteil meiner Abendentspannung und wurde schon bald meine unbewusste Strategie, um mit Emotionen klarzukommen oder sie zu unterdrücken.
Als Kind war ich immer sehr sportlich unterwegs und mein Körper entsprechend gebaut. Als ich mich langsam zum Mädchen/Teenager entwickelte, wurde er weiblicher und voluminöser. Meine Familie kommentierte diese Veränderungen und mir wurde schnell bewusst, dass mein Körper nicht dem Ideal der Gesellschaft entspricht. Dies hat mein Selbstbild stark geprägt. Als ich meine Berufsausbildung begann, täglich im Büro saß, den regelmäßigen Sport stoppte und fast jeden Abend knabberte, nahm ich schnell an Gewicht zu. So fand ich mich schon in meinen Teenagerjahren im Abnehm- und Diätwahn wieder. Sport war nur noch ein Mittel zum Zweck für mich.
Schicksalsschläge mit 20 Jahren brachten das zwanghafte Essen zum nächsten Level. Ich fand mich jedes Wochenende an Partys wieder und konsumierte sehr viel Alkohol und Drogen. Auf dem Nachhauseweg machte ich einen Wocheneinkauf (hauptsächlich Fastfood) und verbrachte die nächsten Stunden zu Hause vor dem Fernseher und ass den gesamten Einkauf. Dies war meine Hauptbeschäftigung für die nächsten Monate. Mein Gewicht stieg enorm an. Die Esssucht und das stetige Unterdrücken meiner Gefühle führten mich schlussendlich in eine tiefe Depression. Zu dieser Zeit startete ich mit meiner ersten Psychotherapie. Die folgenden 10 Jahre habe ich so ziemlich alles versucht, was man versuchen kann, um mit dem zwanghaften Essen aufzuhören. Verschiedene Therapieformen, Selbsthilfebücher, Hypnose, diverse Kurse über intuitives und emotionales Essen, Verhaltenstherapien, Anteile-Arbeit, verschiedene Verhaltens- und Bestrafungsstrategien (wie z.B. Kalt-Duschen), verschiedene Esspläne und Esszeiten, und so weiter. Trotz des großen Wissen und den vielen Tools, die ich über die Jahre gesammelt hatte, war es mir schlicht nicht möglich, mit dem zwanghaften Essen aufzuhören.
Die Krankheit und die Verhaltensweisen wurden über die Jahre immer schlimmer und die Isolation immer größer. Ich überaß mich sogar mit Salat und Karotten. Es spielte keine Rolle mehr, was es war. Ich aß alles, was gerade da war. Nichts konnte mich stoppen. Ich versuchte die Leere in meinem Herzen zu stopfen. Wiederkehrende Depression, Suizidgedanken und Hoffnungslosigkeit wurden regelmäßige Besucher.
Vor ca. 1 Jahr erreichte ich einen neuen Tiefpunkt und fand glücklicherweise meinen Weg in die Welt der 12-Schritte Programme. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich nicht mehr alleine mit meiner Esssucht. Es dauerte ein paar Monate bis ich mich komplett für das Prinzip der 12-Schritte öffnen konnte und die für mich richtige 12-Schritte-Gemeinschaft fand. Angekommen in CCEA führte mich meine Sponsorin innerhalb weniger Wochen durch die Schritte. Ich durfte erkennen, dass mein Problem nicht die Lebensmittel sind, sondern mein zwanghaftes Essverhalten.
Ich fand mich trotz all meiner Bemühungen, im Programm zu arbeiten, immer wieder im zwanghaften Essen wieder. Es gab Anteile in mir, die noch nicht bereit waren, die Kontrolle vollständig loszulassen. Mit der Zeit stellte sich auch heraus, dass ich meine höhere Macht weiterhin mit dem religiösen Gott meiner Kindheit gleichgestellt habe. Dieser Gott hatte mich nie priorisiert, mich als unwichtig angesehen und wollte mich sogar bestrafen. Das Programm half mir, diese Glaubenssätze schrittweise loszulassen und meine ganz eigene höhere Macht zu finden. Dieser Schritt war notwendig, um mich immer mehr von meinem Kontrollzwang zu lösen und meine Genesung wirklich an meine höhere Macht abzugeben. Ich hatte keine plötzliche Erleichterung vom zwanghaften Essen, dafür ein schrittweises Erwachen.
Heute lebe ich in Genesung – immer nur für einen Tag. Je mehr ich die Prinzipien der 12 Schritte in meinem Leben anwende, desto freier bin ich vom zwanghaften Essen. Das Programm ermöglicht mir einen neuen, gesunderen Umgang mit meinen Gefühlen und den täglichen Herausforderungen des Lebens. Ich kann meinen Mitmenschen und mir selbst mit mehr Verständnis, Akzeptanz und Liebe begegnen. Ich fühle mich gelassener und habe mehr Vertrauen in die Zukunft. Ich lerne jeden Tag mehr diese Krankheit als ein Geschenk anzusehen. Ich habe auf meinem bisherigen Weg so viel gelernt, bin stark gewachsen und habe die einzigartige Möglichkeit und Fähigkeit, andere zwanghafte Esser auf ihrem Weg in die Genesung zu unterstützen. Genauso, wie ich unterstützt wurde. Ich bin in tiefer Dankbarkeit für dieses Programm, meine höhere Macht und all die wunderbaren Menschen, die mich täglich auf diesem Weg begleiten.
